Die Rückeroberung

Es war ein frühlingswarmer Maiabend Mitte der 80er Jahre. Zum zwölften Geburtstag hatte ich von meinen Eltern dieses schwere Giebelzelt geschenkt bekommen, mit grünem Dach und beiger Basis. Allein tragen konnte ich es nicht wirklich. Aufgebaut habe ich es gleich am Geburtstag in unserem Garten. Mit Theis, meinem Kumpel von nebenan, wollte ich zum ersten Mal im Leben campen. Ein für wahr wildes Abenteuer: Mein Papa stellte uns an einer Verlängerungsschnur noch den kleinen schwarz-weiß-Fernseher ins Zelt, damit wir „Wetten Dass…?!“ gucken konnten. Und irgendwann gegen 2 Uhr nachts wurde uns dann so unheimlich im Zelt, dass wir schnurstracks durch die Wohnzimmertür in unsere Betten gegangen sind. Macht aber nichts.

Müllerwiese

Denn Cool Camping heißt nur: Spaß haben, sich wohl fühlen, raus- und runterkommen. Alles ist erlaubt. Nicht, dass jemand das Wörtchen „Cool“ noch missversteht. Denn mit der Mühsal der 80er-Coolnes hat „Cool Camping“ nichts zu tun. Kein Regelwerk für richtige Kleidung und Frisur auf dem Zeltplatz, sondern: Ruhe, Entspannung, Freiheit. Darum geht es, und nicht darum, im eigenen Zelt ums Überleben zu kämpfen. Wer dogmatisch hinter dem Reissverschluss hockt und den verregneten Urlaub versemmelt; wer er zu stolz ist, ins Hotel umzuziehen, wenn es aus Kübeln gießt, der ist selbst schuld. Schönwetter-Camping ist völlig in Ordnung. Zumal es so einfach wie nie ist, seine kleine Heimstatt spontan und nach Wetterlage in der Natur aufzuschlagen – Mietbulli und Pop-Up-Wurfzelt sei dank.

Die Generation unserer Eltern erzählt da mit leuchtenden Augen noch andere Geschichten: Wie sie in stundenlanger, nervenzehrender, familienzerrüttender Zwangs-Zusammenarbeit die großen Hauszelte der 60er Jahre aufbauten. Das Gestänge war mit bunten Klebern und Nummern markiert, weil jedes Puzzle leichter zusammenzustecken war. Es folgte ein Urlaub im immerschiefen Monsterzelt, in dem Campingkocher explodierten und Schlafkabinen einrissen. Der Boden wurde bei jedem Regen matschiger. Ein echtes Abenteuer eben.

Bei diesen Erfahrungen unserer Camping-Vorgänger hatte Arist Dethleffs leichtes Spiel. Der Peitschen- und Skistockvertreter führte an sich nichts Böses im Schilde, als er seiner Verlobten eine Wunsch erfüllte: Die Malerin Fridel Edelmann wollte „so etwas Ähnliches wie einen Zigeunerwagen, in dem wir gemeinsam fahren und ich noch malen könnte“.

Wohnwagen

Ein „Wohnauto“ entwickelte Dethleffs in den 30er Jahren – sein Hochzeitsgeschenk. Nur war es so erfolgreich, dass Dethleffs sich kurze Zeit später ganz auf die serielle Produktion dieser Wohnwagen verlegte. Das Übel begann.

Denn dank dieser Wohnwagen verpasste unsere Eltern und ihre Freunde den Zeitpunkt, als sie eigentlich schon nicht mehr campen wollten. Als sie sich nach den Annehmlichkeiten zu Hause sehnten, weil sie das Abenteuer mit feuchten Socken und klammen Handtüchern satt hatten. Statt auf geruhsamen Hotel-Urlaub umzusteigen, kauften sie sich Dethleffs Wohnwagen. Und mit den Jahren verstopften die weißen Riesen unsere Campingplätze und brachten uns um unsere schöne Aussicht. Unsere Eltern errichteten Jägerzäune, Heimstätten für Gartenzwerge und Schlagbäume. Und rührten sich nicht mehr vom Fleck.

Damit mich niemand missversteht: Cool Camping hat nichts gegen Wohnwagen oder Dauercamper, wenn sie denn das bewahren, was wir auf Zeltplätzen suchen: ein kleines bisschen Freiheit statt Camping-Regelwerk, Nähe zur Natur, Abenteuer am Lagerfeuer, Romantik unterm Sternenzelt. Hecke und Parzelle waren gestern – wir wollen nicht mehr geduldeten die Zaungäste sein, sondern die schönsten Plätze zurückerobern.

GartenzwergDenn Camping ist wieder cool: Im ganzen Land sind neue Plätze entstanden. Für junge Singles, Großstadt-Päärchen oder Familien; für Großeltern, die die Natur lieben, Radfahrer, Wanderer, Lagerfeuer-Romantiker oder Naturburschen; für Zelturlauber oder Bullifahrer. Sollen sich die Wohnwagengespanne ruhig am Brenner Richtung Italien stauen – für „Cool Camping Deutschland“ haben wir fast 60 besondere Plätzchen in unserer Heimat entdeckt.

Von der Salzwiese auf einer Hallig-Insel, die die Nordsee regelmäßig überflutet, bis zum Indianer-Tipi-Dorf auf einem Öko-Bauernhof in der Rhön. Der Zeltplatz in Papa´s Garten am Rhein oder das Großstadt-Abenteuer mit Hering und Plane an der Donau; das Baumhaus des Waldgeistes Modelpfutz oder das bewohnbaren Kanalrohr in der Kläranlage. Vom Bauwagen bis zum schrägen „Behütum“-Zelt: Immer etwas besonderes – mit fantastischer Aussicht oder verrückten Zutaten, am glasklaren See oder unter der steilen Kletterwand.

Bärenschlucht

„Cool Camping Deutschland“ hat eine subjektive Auswahl getroffen, ohne ADAC-Sternchen, dafür mit garantiertem Campingglück. Niemand hat für die Aufnahme in dieses Buch bezahlt, und niemand konnte sich in dieses Buch hineinkaufen. Wir sagen unsere Meinung und beschreiben, was Zelturlauber auf einem Platz erwartet, wo das nächste Restaurant einen grillfreien Abend beschert, und wohin Familien sich bei Regen flüchten können. Nicht alle Plätze in diesem Buch sind in jedem Winkel cool. Manche Betreiber suchen noch die richtige Idee, manche Plätze verändern sich nur langsam, aber vielversprechend. Wir haben versucht, das in unseren Texten fair zu beschreiben und auch den Menschen gerecht zu werden, die ihr Leben ihrem Campingplatz verschrieben haben.

Denn was für Menschen hinter diesen Plätzen stecken! Wir haben viele clevere, kreative und mutige Zeltplatz-Betreiber getroffen: kleine Unternehmer, die für ihre Liebe zur Natur die Festanstellung aufgegeben und das Risiko gewagt haben. Die niederländische Familie zum Beispiel, die an der Müritz den Traum vom eigenen Campingplatz verwirklicht. Der Öko-Bauer, der seine Zeltgäste zum Melken zwangsverpflichtet, oder der Schreiner, der seine eigene Fantasiewelt aus Baumhäusern und Erdwohnungen baute.

Ganz neu ist die Idee von „Cool Camping“ nicht: Entstanden ist die Reihe in Großbritannien. Ein junger Mann namens Jonathan Knight kehrte eines Tages mit seiner Freundin vom Camping-Urlaub zurück und stellte fest: Die Zeltplätze, die wir suchen, stehen in keinem Campingführer. Also gründete er kurzerhand selbst einen kleinen Verlag und brachte einen solchen Führer heraus – mit riesigem Erfolg. Seitdem haben die Briten uns einiges voraus. Als meine Familie und ich nach drei Jahren in Großbritannien nach Deutschland zurückkehrte, erfüllt von vielen schönen Erlebnissen auf Plätzen aus „Cool Camping England“, da haben wir lange darüber diskutiert: Ob es in Deutschland überhaupt genügend coole Plätze gibt, die ein solches Buch füllen könnten?

Es gibt sie. In „Cool Camping Deutschland“ finden unsere schönsten Zeltplätze zum ersten Mal eine Heimat. Cool Camping kommt – langsam, und gewaltig. Vielleicht bekommt sogar der eine oder andere Wohnwagenbenutzer Lust, seine Reifen aufzupumpen und den Jägerzaun einzureißen. Denn es gibt viel zu entdecken!

Die Rückeroberung hat begonnen.

(Vorwort zu Cool Camping Deutschland)

 

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