Zelturlaub in der Hölle

Maurus2Irgendwann am frühen Abend verschwindet Ewald Maurus in der großen, braunen Holzscheune. Auf der grünen Wiese um ihn herum qualmen noch die Holzkohlegrills, Kinder flitzen mit Kulturtasche zum Klo. Dann geht das Scheunentor weit auf, und Ewald kurbelt. Kurbelt und kurbelt. Er steht vor einer Kraftmaschine aus rostbraunem Stahl, „Hanomag Hannover“ steht darauf – ein alter, ein sehr alter Traktor. Er reagiert auf das Kurbeln wie ein Riese, der nach jahrhundertelangem Tiefschlaf nur langsam, sehr langsam erwacht. Wenn überhaupt.

Maurus1Poch. Pause. Poch poch. Pause. Der wird nie fahren, denken wir. Poch. Pause. Und dann: Poch poch poch. Die Kinder jubeln. Applaus. Ewald klettert auf den Bock, rollt aus der Scheune heraus und kurvt über den Campingplatz. Keine Reifen, sondern Räder aus Holz und Stahl. Der Hanomag rumpelt und pumpelt, und obendrauf thront Ewald. Ein Rattenfänger auf Rädern: Ihm folgen die Campingkinder, je nach Alter schon Schlafanzügen oder noch in Bademänteln oder T-Shirts. Ein Freunden-Umzug kreuz und quer über den Campingplatz.

Maurus5Dieser Ewald Maurus hat einen besonderes Fleckchen Campingfrieden geschaffen zwischen Kempten und Wangen. Eine schmale Straße schlängelt sich in ein weites Tal. Autos müssen bremsen, wenn sie sich begegnen. Dann geht es über eine kleine Brücke und einen Schotterweg hinein ins Paradies: grüne Wiesen unter tiefgrünen Tannen an den Hängen. Ein Paradies, das „Höll“ heisst, denn „In der Höll“ war in grauer Vorzeit der einzige Hof weit und breit, auf dem immer ein Feuer brannte. Hierher kamen die Bauern der Umgebung, wenn ihr Feuer ausgegangen war. Sogar die alten German sollen „in der Höll“ schon ein ewiges Feuer bewacht haben, das nie ausgehen durfte. Und auch die Menschen, die heute kommen, wollen sich wieder anstecken lassen von Ewalds ewigem Feuer: Sie suchen die Wärme der Gastfreundschaft, die Energie des einfachen Lebens fernab der Städte. Sie suchen Ruhe, Frieden und Natur – und finden alles „in der Höll“.

Maurus4Als Ewald den Hof in den 90er Jahren von seinem Vater übernahm, da lebte die Familie mehr schlecht als recht, halb vom Allgäuer Braunvieh, halb von den Urlaubern, die im Sommer kamen. „Ich bin mit Gästekindern und Kühen groß geworden“, erzählt Ewald. Doch mit Milchvieh ließ sich nur noch Geld verdienen, wenn die Bauern ihre Herden größer und größer machten. Ewald schlug einen anderen Weg ein: Er machte aus der „Höll“ den Ferienhof Maurus.

Maurus3Noch immer hält er ein paar Kühe – aber vor allem, damit Campingkinder die Kälber morgens klatschend auf die Wiese treiben können. Und damit die Kuhglocken Tag und Nacht bimmeln, wie es sich im Allgäu gehört: Das Wellenrauschen der Berge begleitet Camper in ihre Träume. Außerdem hält Ewald eine wunderbar störrische Ziege, die von den Zeltgästen am Strick auf ihre Weide gezerrt wird, und einige Enten, die auf Kinderkommando morgens vom Häuschen ins Freie und abends zurück wechseln. Ewald hat eine Bauernhof-Idylle erhalten, ein kleines Stückchen Landwirtschaft, wie sie früher einmal war.

Wenn die Kinder morgens alle Hofbewohner gefüttert haben, dürfen sie manchmal auf den Ponys reiten. Oder Ewald nimmt sie mit auf eine Treckertour. Und das war´s: Mehr Programm gibt es nicht bis zum Abend, wenn die Tiere wieder in die Ställe gebracht werden. Eltern und andere kindertolerante Camper genießen derweil die Weite des Tals, die Ruhe. Kaum Autos, kein Lärm: zurück zu den Wurzeln.

Maurus6Zwei Dutzend Bullis, Zelte, Wohnwagen oder -mobile haben Platz auf dem Ferienhof Maurus. Sie stehen in zwei Reihen auf einer festen, grünen, heringfreundlichen Wiese. Die vorderen Plätze unter den Bäumen haben viel Schatten. In der zweiten Reihe kann´s schon mal wärmer werden. Am Ende der Wiese fließt die Obere Argen vorbei, ein Bächlein, das sich wunderbar aufstauen lässt, in dem man planschen und waten kann.

Es wird nicht langweilig auf diesem kleinen Fleckchen Erde. Ewald hat die richtige Balance gefunden zwischen Ferien- und Bauernhof, zwischen Gastgeber und Rattenfänger. Meistens sieht man ihn gar nicht. Aber manchmal überrascht er alle, mit seinem alten Hanomag zum Beispiel, den er plötzlich, an einem milden, schönen Sommerabend, aus der Scheune rollt.

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